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Die goldene Regel der Fassadengestaltung

Inhaltsverzeichnis

Es gibt leider keine Instruktionen oder Anleitungen für Fassadengestaltung. Architekten gehen diese Aufgabe bei jedem Gebäude individuell an: Sie studieren den Kontext, suchen geeignete Referenzen und entwerfen unterschiedliche Vorschläge, welche untereinander verglichen und schliesslich immer detaillierter und feiner ausgearbeitet werden. Aber gibt es nicht ein paar allgemeingültige Regeln und Tipps, die man trotzdem befolgen kann? Ich behaupte, dass es die gibt. Dieser Artikel ist ein Versuch, diese Gedanken und Regeln zu gliedern und zusammenzufassen.

Die goldene Regel: Sockel, Fassade, Dach

Aus meiner Sicht die wichtigste und erste die goldene Regel. Die goldene Regel der Fassadengestaltung besagt, dass die Fassade von einem Wohngebäude aus den folgenden Elementen bestehen muss: Sockel, Fassade und Dach, und dass diese Elemente als solche visuell voneinander unterscheidbar sein müssen. Sind diese Elemente nicht als Solche erkennbar, entsteht sofort der Eindruck, das etwas nicht stimmt.
Zugegeben, auch wenn diese Elemente vorhanden sind, sind die Chancen immer noch gross, dass trotzdem ein komischer Eindruck entsteht, aber das ist ein Thema für ein ander mal…

Konstruktiv zwingend: Holzbau mit klar abgetrenntem Sockel und Dachsektion
Subtiler beim Mauerwerk: Sockel leicht vorstehend und farblich unterschieden
Fassade Wohn- Gewerbegebäude
Mehrere Sektionen unterteilen Sockel, Fassade und Dachgeschoss
Fassade Mehrfamilienhaus
Subtiler mit Vor- und Rücksprüngen. Das Sockelgeschoss ist farblich unterschieden und vollverglast

Dass diese Beispiele überwiegend ältere Gebäude sind ist kein Zufall. Früher hat man die Fassadengestaltung aus verschiedenen Gründen einfacher hingekriegt. Es hilft, wenn statische oder materielle Gründe die Gestaltung erzwingen. Eine Holzfassade hat beispielsweise automatisch einen Sockel, da das Holz nicht erdberührend sein darf. Der Betonfassade hingegen ist es wurscht, wenn sie nass wird. Übrigens: Der Putzfassade ist es sehr wohl nicht wurscht, wenn sie nass wird. Es muss zwingend ein Sockelputz gemacht werden.

Eine Holzfassade hat automatisch einen Sockel – Beton aber nicht

„Aber Eliane, mich interessieren nur moderne Häuser“. Kein Problem! Es gibt auch gute Beispiele für ‚moderne‘ Häuser, diese sind einfach rar. In meinen Augen ist es glaub wichtig, dass ein modernes Gebäude nicht ‚versucht‘ auf Alt zu machen. Denn dann wird es komisch. Moderne Gebäude aus Beton, Stahl und Backstein können viel mehr als Holzhäuser – und das darf man auch sehen!

Sockel: Ein Balance-Akt

Früher waren wie gesagt die drei Elemente der Fassadengestaltung rein konstruktiv klar ersichtlich, und haben sich in Material und Konstruktionsart unterschieden. Der Sockel war dabei meist aus Stein gemauert oder Zement gegossen – und ein Kaltraum. Dieses unbeheizte Sockelgeschoss kann ganz oberirdisch sein (z.B. in ländlichen Gegenden) oder halb/fast ganz unter der Erde. Dies führt zum sogenannten ‚Hochparterre‚, wo das Erdgeschoss einige Stufen höher liegt als das angrenzende Terrain.

Im Normalfall ist der Sockel visuell ‘gröber’ wahrzunehmen. Gehauener Stein im Sockel wird von einer verputzten Fassade weiterfeführt, oder ein grob verputzter Sockel von einer feiner verputzten Fassade. Er kann auch nur haptisch vorstehend sein oder zumindest in der Farbgebung unterscheiden.

Fassade Holzbau
Im Holzbau unverzichtbar: Der gemauerte Sockel
Fassadengestaltung Sockel
Auch hier wird der Sockel visuell abgehoben
Fassade Sockel Mehrfamilienhaus
Abzeichnen vom Sockel im gesamten Erdgeschoss bei einem Mehrfamilienhaus

Erst kürzlich habe ich ein Gebäude spontan und unbewusst als nicht-schön befunden und war ratlos, warum. Es schien alle Häckchen gesetzt zu haben, alle Kriterien der ersten goldenen Regel erfüllt. Sockel, Fassade und Dach sind als solche gut erkennbar. Aber etwas stimmt definitiv nicht! Normale Leute würden das Gebäude wahrscheinlich kaum beachten, weil es nicht offensichtlich hässlich ist aber auch definitiv nicht schön. Aber mich (als Architektur-besessene Person) stört es. Weil sich jemand offensichtlich Mühe gegeben hat, und es trotzdem – in meinen kritischen Augen – überhaupt nicht schön geworden ist #nohate.

Aber wieso denn? Ich bin zum Schluss gekommen, dass einige Fehler in der Gewichtung dieser Sockel/Fassaden/Dach-Elemente liegen:

Fassadengestaltung geht schief
Fassadengestaltung sockel
Der Sockel ist unten mit den Steinplatten schon vorhanden. Die grobe Ausgestaltung des Sockelgeschosses wäre nicht nötig gewesen und stört die Balance

Die Grobheit vom Sockel muss im Verhältnis zum Gebäude stehen

Es hat Tradition, den Sockel haptisch und visuell ‚gröber‘ zu gestalten als die Fassade. Das ist also korrekt. Aber die Brutalität dieser tiefen horizontalen Linien ist nicht angebracht für diese Grösse von Gebäude vom Beispiel von vorhin. Eine ähnlich ‚grobe‘ Ausarbeitung des Sockels kann im folgenden Beispiel angeschaut werden, und auf diesem (sogar niedrigeren) Sockel steht ein ganzes Museum.

Wie hoch ist ein Sockel?

Die Höhe des Sockels ist meiner Ansicht nach abhängig von der unmittelbaren Nähe des Hauses bzw. Gebäudes zur Strasse, oder dem öffentlichen Raum. Ist das Haus beispielsweise von einem Garten umgeben, reicht das Abzeichnen des Sockels zum Beispiel auf Höhe des Sockelputzes (falls es nicht schon konstruktiv vorgegeben ist). Das heisst, ca. 50cm ab Terrain.

Ist das Haus direkt an einer Strasse, kann der Sockel auch bis auf einen Meter, halber Geschosshöhe, bis hin zum ganzen Geschoss reichen. Dies ist abhängig von der Grösse der Strasse und Frequenz der Fußgänger. Sprich: dem Grad der Öffentlichkeit.

Kann man auch gar keinen Sockel machen?

Der Sockel ist – wenn nicht konstruktiv schon vorgegeben – ein für die Fassade wichtiges stilistisches Element. Wird er weggelassen, ist das genauso eine gestalterische Entscheidung. Ohne Sockel gibt es keine Barriere von innen nach aussen, der Aussenraum ‚fliesst‘ (wie die Architekten so gerne sagen) in den Innenraum.

Manchmal ist das absolut gewollt. Die Nationalgallerie von Mies van der Rohe setzt sich nicht durch einen pompösen Sockel ab, sondern besteht quasi nur aus einem Glaskörper mit einem auskragenden Dach.

Mies van der Rohe Nationalgallerie
Die Nationalgallerie (1968) in Berlin von Ludwig Mies van der Rohe
Mies van der Rohe Barcelona Pavillon
Ikone der Moderne: Sogar der Barcelona Pavillon (1929) von Ludwig Mies van der Rohe – an sich offener und fliessender Raum – sitzt auf einem riesigen Sockel

Dach: Das richtige ‚Gewicht‘ finden

Das ist natürlich im übertragenen Sinne gemeint. Gewicht in der Fassadengestaltung hat nichts mit Kilogramm oder Tonnen zu tun, sondern mit dem visuellen Gewicht. In unserem endet die Fassade am Dachrand. Darüber springt die Attika vor und zurück (wie per Gesetz vorgeschrieben), und könnte aber genausogut ein Flachdach sein, sowenig Gewicht hat es. Was aber passiert mit der Gewichtung von Sockel, Fassade und Dach, wenn es eine andere Dachform gibt?

Experiment (Trigger-Warnung: Schlechtes Photoshop!)
Hätte das Haus ein ’schweres‘ Dach wie das Nachbarhaus, könnte das mit dem Sockel meinetwegen funktionieren. Attika-/bzw. Flachdächer sind aber direkter ausführbar als Satteldächer mit Gauben, weil man nicht extra noch einen Zimmermann/Zimmerfrau braucht. Und viele mögen keine Schrägen in der Wohnung. Entsprechend schrecken Bauherrschaften und Immobilienberater davor zurück, ein klassiches Satteldach zu planen.

Ein anderes unglückliches Beispiel ist dieser Dachaufbau eines Altbaus. Hier wirkt das Dach zu schwer für das Gebäude, es dominiert die Fassade auf ungebührliche Weise. Im weiteren Beispiel fehlen jegliche Abzeichnungen von Sockel oder Dach – alles hört irgendwie irgendwo auf und nichts wirkt fertig.

[Artikel wird erweitert]