Zeitlos muss mittlerweile alles sein: Die Plättli im Badezimmer, die Küchenfronten, die Couch. Man will ja alles einige Jahre ansehen können, ohne dass man sich fragt, was einen im Moment der Plättliauswahl geritten hat. Das ist verständlich und sogar löblich, denn man möchte die Kosten von einem teuren ‚Redesign‘ möglichst vermeiden.
Führen zeitlose Materialien nicht zu einem langweiligen Beige- und Greige-Zuhause?
In der Folge wählst du für dein neues Zuhause beständige, solide und – insbesondere – zeitlose Materialien. Aber führt das nicht zu etwas eintönigen Wohnräumen? Oder gar einem langweiligen Zuhause? Gehört die Zukunft der Architektur und der Wohnungen den Beige- und Greige-Farbtönen?
Ich hoffe wohl nicht! Denn es gibt einen schmalen Grat zwischen dem, was wir unter ‚zeitlos‘ verstehen und dem, was wirklich die Jahrzehnte überdauern kann, ohne dass es dir auf die Nerven geht.
Auch weisse Badplättli sind nicht zeitlos – alles trägt einen Abdruck der Zeit
Ich kann dich jedoch beruhigen – denn es ist tatsächlich gar nicht möglich, etwas Zeitloses auszuwählen. Ja, auch die weissen Badezimmer-Plättli und die schwarzen Badezimmer-Armaturen sind nicht zeitlos. ‚Zeitlos‘ würde ja bedeuten, dass man nicht erkennen kann, aus welcher Zeit die Badezimmer-Plättli (wir nehmen das jetzt mal als Beispiel) stammen – und sie so auch nicht einer bestimmten Zeitperiode zuordnen kann. In einer kuriosen Logik leiten wir daraus ab, dass uns die Plättli entsprechend auch in Zukunft noch gefallen. Denn sie gehören ja keiner ‚Mode‘ an – welche bekanntlich immer zeitgebunden ist – und irgendwann wieder aus der Mode geht.
Nur, weil dem Plättli keine bestimmte Zeitperiode abzulesen ist, heisst das nicht automatisch, dass es in Zukunft auch noch gefällt.
Aus Angst, dass etwas aus der Mode geraten könnte, versuchen wir panisch alles zu vermeiden, was einen Stempel der Zeit tragen könnte. Wir erinnern uns vielleicht an die ‚Zierstreifen‘ oder ‚Zierplättli‘, welche vor einigen Jahrzehnten in jedem WC und jedem Badezimmer auf Kopfhöhe zu finden waren. Oder farbige WC-Schüsseln. Aber wir sind immer unseren eigenen Sehgewohnheiten ausgesetzt – wir sehen wörtlich die Trends vor lauter Trends nicht.
Also entscheiden wir uns in der aktuellen ‚zeitlosen‘ Mode dafür… alles wegzulassen? Jeder Schnickschnack ist zu viel, die Platten werden grösser, denn Fugeneinteilung ist ja auch modisch – am besten lassen wir gleich alle Fugen weg und entscheiden uns für gegossene Oberflächen. Denn die können ja nicht aus der Mode gehen, oder?
Fun Fact: Weisse Plättli waren bis vor einigen Jahrzehnten noch nirgends zu sehen! Genauso sind auch schmale Sockelleisten ein Ausdruck moderner Zeiten, und Fassaden ohne Fenstergewände ein (persönliches) Unding der Postmoderne.
Einfache Regeln als Alternative zur Suche nach ‚zeitlos‘
Diese Vermeidungs-Strategie wird dich als Bauherrin oder Bauherr um den Verstand bringen. Deshalb schlage ich ein paar einfachere Regeln vor, denen du bei der Auswahl von Materialien folgen kannst.
- Reparierbarkeit & Ersetzbarkeit für ein Altern in Würde
- Es muss gefallen, sonst nützt alles nichts
- Abstimmung untereinander ist wichtiger als das Einzelobjekt
- Was es schon lange gibt, wird es auch noch länger geben
- Langweilig heisst nicht zeitlos
1. Das Material muss einfach reparierbar oder ersetzbar sein, damit es in Würde altern kann
Alles, was nicht einfach ausgewechselt werden kann, muss eine hohe Qualität aufweisen. Eine Küchenarbeitsplatte darf nicht springen, wenn du darauf steigst, um das Tupperware aus dem obersten Schrank zu holen. Ein Türrahmen muss überstrichen werden können, wenn du beim Umzug die scharfe Kante des Salontisches dagegengeknallt hast. Eine Fassade muss saniert werden können nach einem Sturm, oder bei Alterungserscheinungen.
Materialien sollen deinen Alltag meistern können – nicht du das Material.
Aber warte – wieso dann nicht überall einfach abwaschbares Plastik, Vinyl und dergleichen nehmen? Danke für die Frage! Denn auch Plastik und Vinyl altern – weniger schnell, aber schlimmer. Viele Menschen denken, dass sogenannte ‚glatte‘ Oberflächen wie Glas, Plastik und Keramik nicht altern. Tun sie schon, sie setzen einfach viel später ‚Patina‘ bzw. Gebrauchsspuren an – um dann auf einen Schlag schäbig auszusehen.


2. Je länger etwas bestehen bleibt, desto besser muss es gefallen.
Qualitätsanspruch heisst also in diesem Sinne, dass etwas über eine längere Zeit genutzt, repariert und ersetzt werden kann. Zusätzlich muss es aber auch über eine längere Zeit gewünscht sein. Denn wie wir im Artikel zur Gestalterischen Nachhaltigkeit gesehen haben, nützen die besten und nachhaltigsten Materialien nichts, wenn das Objekt nicht gefällt.
Das beste Material landet trotzdem in der Tonne, wenn es nicht zu etwas ‚Schönem‘ verarbeitet wurde.
Ein Beispiel: Ein schöner alter Tisch kann wunderbar genutzt werden, ist einfach reparierbar und es können bei Bedarf Teile ausgewechselt werden. Aber wenn es ein klobiges Unding ist, landet es genauso neben dem Ikea-Regal im Brocki oder in der Mulde. Genauso geht es leider auch einem ganzen Gebäude…


3. Nicht das Einzelmaterial, sondern die Abstimmung untereinander macht die Musik

Ähnlich wie bei der Komposition von Musik muss das Ganze stimmen, nicht nur der Teil eines bestimmten Instrumentes. Entsprechend ist es zwar wichtig, welche Wandfarbe du in deinem Wohnzimmer wählst, aber eine Farbe alleine macht den Raum nicht besser, sondern die richtige Abstimmung derselben auf die Materialien und Farben des Parkettbodens, der Türrahmen, der Fenster, vielleicht sogar deiner Möbel.
Zeitlos ist, was in Kombination mit anderem harmoniert – ähnlich wie bei Musik
Oft kannst du instinktiv fühlen, wenn etwas stimmig ist. Ob etwas visuell ansprechend ist oder nicht, folgt teilweise bestimmten Regeln der Symmetrie oder gerade Nicht-Symmetrie – aber nicht immer.
4. Auf Bekanntes setzen. Denn was es schon lange gibt, wird es auch noch lange geben
Wir wissen leider nur rückblickend, was zeitlos war. Die Zierstreifen bei den Wandplättli werden sich eine Weile nicht mehr in den Designer- und Architekturmagazinen blicken lassen. Aber es gibt durchaus Modetrends, die immer wieder ein Comeback feiern – oder nie ganz verschwunden sind. Das ist aus meiner Sicht ein solider Hinweis, dass etwas über lange Zeit Beständigkeit hat – ja fast schon zeitlos ist.
Wenn etwas immer wieder auftaucht oder Jahrhunderte überdauert hat, hat es eine Chance, auch in Zukunft relevant zu sein.
Ein anderer Hinweis findet sich bei Bauten, welche schon Jahrhunderte überdauert haben. Irgendetwas muss da funktionieren, sonst würden sie nicht mehr stehen.

5. Es soll und darf nicht langweilig sein
Ich durfte kürzlich für ein Interview mit Julia vom Plättlishop Studio Stena diese Frage der Zeitlosigkeit in Bezug auf Plättli stellen – Julia ist mit ihren Kund:innen an der Quelle. Gleichzeitig habe ich drei Architektinnen bei einem Feierabendbier die gleiche Frage gestellt wie Julia: Muss etwas zeitlos sein, und wenn – wie kriegt man das hin?
Zeitlos heisst eben nicht langweilig, sondern das, was dir gefällt
Alle Parteien waren sich in einem Punkt einig: Zeitlos heisst eben nicht langweilig. Viele Kund:innen von Julia äussern neuerdings den Wunsch nach ’neutralen‘ (= zeitlosen) Plättli, aber es dürfe auf keinen Fall weiss sein! Ist denn Weiss schon aus der Mode?
Ein Ratschlag von Julia an ihre Kund:innen ist, auf Farben zu setzen, die man auch sonst schon schön findet. Sie sagt, dass es einige Kund:innen schon bereut haben, nicht mutig genug gewesen zu sein. So ist ein weisses, beiges oder greiges Badezimmer eher Ausdruck einer Angst, falsch zu entscheiden. Aber wir dürfen mutig sein und das wählen, was uns bei unserem Projekt am besten passt. Zeitlos ist, was dir gefällt.