8 Prinzipien zum ‚Einfach Bauen‘

Home / Planung & Ausführung / 8 Prinzipien zum ‚Einfach Bauen‘

‚Einfach Bauen‘ heisst weniger komplizierte Details, weniger Schichten, nachhaltige Materialien, Energieeffizienz und Kosten-Optimierung. Aber wie kannst du (als Privatperson – und nicht als riesige Investitionsfirma) ‚einfach bauen‘ , sodass dein Neu- Umbau oder Sanierungsprojekt einfacher, nachhaltiger, günstiger und schöner wird? Das ist tatsächlich kein Wiederspruch!

Einfach, nachhaltig, günstig und schön ist kein Wiederspruch, im Gegenteil!

Schon seit Jahrzehnten beschäftigt genau diese Frage auch den deutschen Architekten Florian Nagler. Er stellt dazu nicht nur Überlegungen an, sondern baute eine Reihe von Testhäusern und stellt laufend Forschungsprojekte an, die seine Vermutungen mit Fakten untermauern.
Wenn dich das vertieft interessiert, empfehle ich dass du dir Naglers höchst informativen Vortrag (Video-Link) anschaust.

Aus diesen Forschungsobjekten sind ein Leitfaden, Schlussberichte und Empfehlungen entstanden, welche die Technische Universität München öffentlich zugänglich gemacht hat. Damit du diese nicht von A-Z durchstöbern musst, habe ich für dich die wichtigsten und anwendbarsten 8 Punkte zusammengefasst:

8 Punkte zum ‚Einfach Bauen‘:

  1. Haustechnik bringt wenig und kannst du dir einsparen
  2. Konstruktionsmaterial Holz schläg alles Andere
  3. Wenige Schichten sind besser als ‚Zwiebel-Architektur‘
  4. Altbau-Raumgrössen sind am effizientesten (und schönsten)
  5. Ideales Fensterformat: Schmal und hoch!
  6. Häuser bauen, die gemocht werden
  7. Nur das bauen, was auch gebraucht wird
  8. Weniger Beton = Weniger graue Energie

1. Haustechnik bringt wenig und kannst du dir einsparen!

Eine grosse Erkenntnis aus den Studien und dem Bau der Forschungshäuser war, dass die heute extrem freizügig geplante Haustechnik (zum Beispiel eine Komfortlüftung oder eine Wärmerückgewinnung) in der Realität viel weniger bringt, als das geplant wäre.

Dies liegt zum grössten Teil daran, dass die Bewohner*innen nicht gemäss System oder Vorgaben lüften, sondern halt so, wie es sich für sie richtig anfühlt – kann ich verstehen!

Wie viel Haustechnik macht Sinn?

Wenig Erfolg für viel Mühle – zwei gescheiterte Pilotprojekte

Deutschland, Diedorf: Nagler beschreibt in verschiedenen Vorträgen den technischen ‚Misserfolg‘ eines seiner vergangenen Projekte: Ein neu geplantes Gymnasium, welches sogar Energie produzieren sollte. Dabei wurde so viel Haustechnik und Lüftungsanlagen verbaut, dass diese eine ganze Mehrfachturnhalle gefüllt hätte. Die ganze Anlage benötigte drei Jahre ‚monitoring‘ und Feinjustierung, bis sie endlich gut funktioniert hatte – mit zahlreichen Unterbrüchen und ‚Heizen-im-Sommer‘ und ‚Kühlen-im-Winter‘-Missgeschicken, wenn der zuständige Hauswart in den Ferien war.

Haustechnik (z.B. Lüftung mit Wärmerückgewinnung) bringt in der Realität weniger, als geplant war.

Schweiz, Zürich: Genauso ging es dem Architekturbüro Knapkiewicz & Fickert, welche die Siedling ‚Klee‘ in Zürich bauten. Dabei waren zwei verschiedene Bauherren beteiligt, von denen einer kurzfristig auf die Lüftungsanlage verzichten wollte. In der Hälfte der 340 Wohnungen wird also nur damit gelüftet, dass die Fenster auf und zu gemacht werden. Geschätzt wurde eine Energieeinsparung von 24% mit der Lüftung, in der Realität waren es aber nur mikrige 1.8%.

Jede Technik ist sofort überholt und muss langristig austauschbar sein

Alles was einbetoniert wird oder in eingemauerten Installationsschächten auf nie-und-nimmer-Wiedersehen verschwindet, sieht zwar schick aus, wird jedoch längerfristig zum Problem. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Haus mehrere Generationen überleben soll (und das sollte es auf jeden Fall im Sinne der Gestalterischen Nachhaltigkeit!), dann wird die jetzt eingebaute Technik in ein paar Jahren überholt sein. Es wird effizientere Wärmetauscher geben, bessere Heizungsanlagen, andere Lüftungstechniken. Zudem sind sämtliche Leitungen und Apparate Alterungserscheinungen ausgesetzt – hast du dich je gefragt, wie eine Plastikleitung in 30 oder 70 Jahren aussehen wird? …Eben!

Im auf die drei ursprünglichen Mehrfamilienhäuser folgenden Projekt ‚Halbholz‘ wurde aufgrund der Lehren aus den ersten drei Forschungsobjekten noch mehr optimiert. So gibt es pro Wohnung nur noch einen Installationsschacht, der Küche und Bad verbindet, die Steckdosen wurden reduziert und sogar auf die elektrische Klingel an der Wohnungstüre verzichtet – man klopft einfach an. Das ist womögich etwas extrem, zeigt aber auf, was machbar ist.

Wie du einfacher bauen kannst in Bezug auf Haustechnik:

  • Haustechnik auf das reduzieren, was du wirklich ‚brauchst‘. Brauchst du eine Komfortlüftung, oder reicht eine einfache Fensterlüftung oder Fenster-Nachströmung (Kleiner Schlitz im Fenster, welcher bei Unterdruck (z.B. vom Küchen-Dunstabzug) ein bisschen Luft reinlässt)? Brauchst du eine Fussbodenheizung, oder reicht ein simpler Radiator? Frage deine Architekten oder deinen Heizungs-/Lüftungsplaner wie du hier optimieren kannst
  • Möglichst wenig Installationsschächte planen (z.B. Küche gleich neben Bad setzen im Grundriss = Ein zusammengelegter Installationsschacht)
  • Technik möglichst offen und sichtbar führen – dann kann diese längerfristig ausgetauscht und auf den neuesten (und effizientesten) Stand gesetzt werden. Zum Beispiel Radiator anstatt einbetonierte Fussbodenheizung. Oder Auf-Putz Elektroleitungen. Oder Leitungen unter der Decke (z.B. an der Kellerdecke) führen anstatt sie in der Decke selbst einzubetonieren.

2. Konstruktionsmaterial Holz schlägt alles Andere

Ein Hauptfokus beim Untersuch der drei Forschungsgebäude von Florian Nagner war die Bauweise, bzw. das Konstruktionsmaterial der Fassade. Dies sollte möglichst ‚einfach‘ sein, ohne den Zwiebelartigen Aufbau, den heutige Konstruktionen aufweisen. Denn jede Schicht bedeutet einen Materialwechsel – und macht es potentiell schwieriger, die Fassade bei einem Abriss wiederzuverwenden und zu rezyklieren. Untersucht wurden Holz, Backstein und Dämmbeton.

Am besten abgeschlossen: Massivholz

Entgegen der gängigen Holzkonstruktionsbauweise wurde nicht auf einen klassichen Aufbau mit einer ausgedämmten Ständer- oder Rahmenbaukonstruktion gesetzt, sondern auf Massivholz. Der Kern der ca. 30cm dicken Schicht wurde mit einer Bandsäge eingeschnitten um Luftschlitze für einen besseren Dämmwert einzufügen. Das Massivholz wird mit einer klassischen, vorgesetzten Schalung geschützt. In den Messungen der Testhäuser hat der Massivholzbau auf ganzer Linie am besten abgeschnitten:

Fast nur Vorteile:

  • Beste Lebenszyklus-Eigenschaften
  • Geringster Energiebedarf
  • Dünnste Aufbauschicht
  • Günstigste Bauweise

Pro-Planungs-Tipp: Maximale Teilegrösse auf die 3m Transportbreite beschränken (sonst ist ein Sondertransport nötig), und darauf achten, dass die Bauteile bei zu grosser Geschosshöhe nicht horizontal gestossen werden müssen – sonst gibt es mehr Teile und mehr Arbeitsschritte. –> Mit dem Zimmermann abklären, wo die maximale Geschosshöhen-Grenze liegt.

Gut abgeschlossen: Einsteinmauerwerk (ohne Sturz – deshalb Rundbogenfenster)

Das zweite Haus wurde aus Einsteinmauerwerk gebaut – einem riesigen Backstein, wo zum Schluss nur die in den Backstein-Kammern eingeschlossene Luft dämmt. Hier findest du übrigens einen ausführlichen Artikel zum Thema Einsteinmauerwerk.

Kurz gesagt: Der Backstein ist 49cm dick, und wird auf der Aussenseite, sowie auf der Innenseite nur noch verputzt. Der Aufbau kann somit rein mineralisch ausgeführt werden, und erfüllt hohe Anforderungen an das Raumklima.

Um auf einen Fenstersturz zu verzichten, hat Nagler beschlossen, den Sturz Materialgerecht als Segmentbogen ausgeführt, mit geviertelten Backsteinen. So wird der Druck optimal verteilt, und macht einen Sturz obsolet.

Anmerkung: Die Ausführung mit einem Segmentbogen ist zwar eine ‚einfache‘ Art zu bauen, aber ein Segmentbogen-Fenster nicht! Für die radikale Ästhetik wurde im Testhaus das Fenster so ausgeführt – ist aber kostentechnisch nicht bei allen Projekte vertretbar. Kein Problem, man kann auch ein rechteckiges Fenster mit einer Rahmenverbreiterung im Sturz einplanen…

Am schlechtesten abgeschlossen: Dämmbeton

Eine wunderbare Eigenschaft des Betons ist seine flüssige Form, denn die lässt sich in jede Schalung füllen. Somit hatte man beim dritten Haus aus Dämmbeton entschieden, dass man auf die Armierung der 50cm dicken Aussenwände verzichten kann und die Fenster – ähnlich wie beim Einsteinmauerwerk – als Rundbogen ausführt.

Der Verzicht auf Armierung bedingt den Rundbogen als natürliche Form des flüssigen Dämmbetons

Der Rundbogen ist auf Druck optimiert und braucht somit auch keine zusätzliche Ausbildung eines Sturzes – dies ergibt die quasi natürliche Form der Fensteröffnung für ein Gussmaterial wie Dämmbeton.

Vorteile:

  • Jede Form machbar, weil flüssig
  • Innen und aussen sichtbar – der Rohbau ist quasi das fertige Produkt
  • Alle anderen Arbeitsschritte wie Verputzen, Dämmung anbringen etc. entfallen.

Nachteile:

  • Schwierig nachzubearbeiten, falls Fehler passieren
  • schneidet in der Ökobilanz gegenüber Holz und Mauerwerk am schlechtesten ab
  • Erhöhter Schalungsaufwand auf der Baustelle mit Fenster- und Türanschlägen – und natürlich den Rundbogenfenstern.
  • Grösstes Risikio bei der Annahme durch die Bevölkerung (und entprechend seiner Langlebigkeit) durch die eher radikale Optik des Dämmbetons

3. Materialisierung / Komposit

Um die Langlebigkeit (und somit seine Nachhaltigkeit sowie ökonomische und ökologische Aspekte) zu maximalisieren, soll wo immer möglich auf Kompositmaterialien – und Aufbauten verzichtet werden. Das heisst, alle Materialien müssen sauber getrennt werden können. Weg mit verleimten Teilen, aufgeschweissten Folien und verklebten Flächen. Diese können nicht mehr getrennt werden und landen unweigerlich in einer Deponie.

Im besten Fall können alle Teile des Hauses (auch im Innern) ausgebaut werden und in anderer Form oder an anderer Stelle wiederverwendet werden. Beispiele dafür sind genagelter Parkett (statt verklebt), Innenbündig montierte Fenster, Türen mit Laibungen, Geschraubte Sockelleisten (statt verklebt) etc.

Weg mit verleimten Teilen, aufgeschweissten Folien und verklebten Flächen.

Jedes Bauteil trägt zu den Grauen Emissionen bei, auch wenn es nur Anstriche, Abdichtungen und Verglasungen sind. Diese werden nämlich im Laufe der Lebenszeit des Gebäudes mehrfach ausgetauscht.1

Wie du einfacher bauen kannst in Bezug auf Materialisierung und Komposit-Aufbauten:

  • Ein- oder Wenigerschichtige Aufbauten sind komplexen Wandaufbauten vorzuziehen.
    Aussen: Einsteinmauerwerk oder Massivholzbau anstatt der klassiche Wandaufbau mit Backstein und Aussendämmung;
    Innen: Roh belassene hölzerne Innenwand anstatt klassichem Aufbau einer beidseitig verputzten und gestrichenen Backsteinwand oder Leichtbauwand
  • Falls nicht rezyklierbare Materialien verwendet werden müssen (was fast unvermeidlich ist), müssen diese wieder sauber getrennt werden können, ohne dass gleich ganze Bauteile weggeschmissen werden

4. Altbau-Raumgrössen sind am effizientesten

Einer der coolsten Untersuchungen von ‚Einfach Bauen‘ ist die Raumgrösse. Jemand hat über 2’000 verschiedene Raumkonfigurationen simuliert, um den bestmöglichsten Grundriss für ein Zimmer herauszufinden.

Die optimale Raumgrösse für wenig Wärmeverlust im Winter und wenige Überhitzungsstunden im Sommer: 3m x 6m x 3m!

Das Resultat ist wenn man es genau überlegt, nicht überraschend. Es ist der klassische ‚Altbau-Grundriss‘ mit einer hohen Decke, und einem tiefen Raum. Konkret: 3m breit, 6m tief und 3m hoch! Das Resultat überrascht deshalb nicht, da Altbauten früher über keine Heizung verfügten, und so auch ohne Haustechnik optimale Bedingungen zum Wohnen liefern mussten. Und so hat sich diese Raumgrösse über die Zeit bewährt.

‚Dieser Altbauraum‘ mit einem hoch angesetzten, schmalen und hohen Fenster schneidet in Bezug auf Überhitzung und Wärmeverlust im Winter am besten ab – unabhängig von Himmelsrichtung und Fassadenmaterial. Übrigens ist diese Grösse von 18m2 ideal für ein grosszügiges Schlafzimmer, Büro, Kinderzimmer (sogar für zwei?), Esszimmer, Küche und kleines Wohnzimmer. Wieso dein Grundriss an Qualität gewinnt, wenn mehrere Zimmer eine ähnliche Grösse haben, erfährst du hier.

Wie du einfacher bauen kannst in Bezug auf Raumgrösse

  • Eine gute Grundlage für eine Zimmergrösse ist ein 18m2 grosser Raum, welcher 3m breit, 6m tief und 3m hoch ist.
  • Hohe Raumhöhen sind nicht nur ästhetisch der Wahnsinn, sondern zeichnen sich auch durch eine gute Bilanz aus, was Überhitzung betrifft

5. Ideales Fensterformat: Schmal und hoch!

In der gleichen Simulationsreihe wurde auch das beste Fensterformat ermittelt. Und auch hier hält der Vergleich mit einem Altbau modernen Messungen stand. Das ideale Fenster ist nämlich nicht zu gross (maximal 15% der Bodenfläche), schmal und hoch.

Fenstergrösse

Das beste Ergebnis für die Fenstergrösse ist ein hoch angesetztes, schmales Fenster mit einer Maximalgrösse von 15% der Bodenfläche des Raums dahinter. Bei einem (optimalen) Raum von 3x6m = 18m2 wären das 2.7m2 Fensterfläche. Ein Beispiel dafür wäre ein Fenster von 1.2m Breite und 2.25m Höhe. Das ist ein grosses Fenster!

Fun Fact: Ein hohes Fenster (bei einer 3m Raumhöhe) wirkt auch nicht komisch, wenn es erst auf einer Höhe von 80cm beginnt. Ab einer Brüstungshöhe von 80cm braucht es nämlich überhaupt komplizierten Absturzsicherungen.

Weitere Vorteile:

  • Tatsächlich sind diese Art von Fenster auch günstiger als teure Hebe-Schiebefenster oder solche mit sehr breiten Flügeln!
  • Verschiedene Fensterformen sind möglich: Fixverglaster Teil oben, Fixverglaster Teil unten (keine Absturzsicherung aber tieferliegendes Fenster), und ’normales‘ modernes Fenster

Fensterposition

Ein wichtiges Element bei der sommerlichen Überhitzung ist die Ausgesetztheit des Fensters – und wie sehr sich entsprechend der Raum dahinter aufheizt. Bei hohen Temperaturen möchte man so wenig Sonneneinfall wie möglich. Die Beste Position des Fensters ist also ganz innen. Zusätzlicher Vorteil: Das Fenster ist besser vor der Witterung geschützt.

Im Sommer will man wenig Sonneneinfall, im Winter viel. Für beides ist ein innenliegendes Fenster ideal

Im Winter willst du mehr Sonneneinstrahlung – da der Einfallswinkel der Sonne aber automatisch niedriger ist, sind dicke Laibungen (z.B. bei Einsteinmauerwerk) kein Problem.

Ausführung im Innenraum

Vielleicht ein Detail, aber in einem Vortrag erwähnt Florian Nagler, dass er bei weiteren Projekten für ein noch einfacheres Bauen die Fugen der Innenliegenden Fenster zur Wand mit einer Leiste überdecken würde – anstatt sie aufwendig mit einer Schattenfuge auszubilden. Eine Schattenfuge ist zwar schön, aber aufwendig in der Planung und anfällig für Fehler auf der Baustelle.

Eine einfache Leiste würde das Problem lösen, und könnte zusätzlich auch in anderen Formen weiterentwickelt werden, z.B. als Fensterbrett, Vorhangbrett etc.

Wie du einfacher bauen kannst in Bezug auf das Fensterformat

  • Das optimierte Fenster ist schmal und hoch, mit einer maximalen Grösse von 15% des Zimmerbodens.
  • Ein innenliegendes Fenster garantiert das beste Verhalten für Sonnenstunden im Winter und gegen Überhitzung im Sommer
  • Eine Leiste anstelle einer ausgebildeten Schattenfuge vereinfacht den Planungs- und Bauprozess.

6. Häuser bauen, die gemocht werden

Dies wurde im Bericht auch nur am Rande erwähnt, ist aus meiner Sicht aber ein sehr wichtiges Argument. In einer Befragung der am Bau der drei Testhäuser beteiligten Planer, Handwerker und Bewohner polarisierte das Dämmbeton-Haus ästhetisch am meisten. Manche fanden es sehr schön, manche aber auch überhaupt nicht.

Dies ist im ersten Sinne nicht ein akutes Problem, kann aber längerfristig zu einem werden! Viele Gebäude aus der Zeit des Brutalismus (Quasi ’nur‘ Beton-Häuser) sind heute zwar dank der Fachwelt denkmalgeschützt, würden aber von den meisten Leuten am liebsten sofort abgerissen werden.

„Auch wenn ein Gebäude aus Papier gebaut ist, wenn die Leute es lieben, wird es ewig stehen“

– Shigeru Ban (lose übersetzt)

Der bekannte japanische Architekt Shigeru Ban arbeitet viel mit in Japan traditionellem Papier. Obwohl Papier ein sehr fragiles Material ist, ist er überzeugt davon, dass nicht das Material bestimmt, wie lange das Bauwerk bestehen bleibt. Viel ausschlaggebend ist, wie intensiv es von den Benutzern geliebt, und deshalb auch gepflegt, wird.

Wie du einfacher bauen kannst, damit dein Gebäude gemocht wird

7. Nur das bauen, was auch gebraucht wird

Im Hinblick auf Kosteneinsparung, Energieaufwand und Bauzeit rechnet sich, bestimmte Bauteile einfach wegzulassen. Das kann ins Extreme getrieben werden, zum Beispiel indem das ganze Untergeschoss inkl. Keller weggelassen wird – oder auf einen Balkon verzichtet wird.

Für jeden nicht gebauten Quadratmeter sparst du 4’000 CHF

Einen sehr grossen Kostenheben (natürlich auch in Bezug auf Ökonomie und Ökologie) hast du bei der verbauten Fläche. Mit jedem nicht gebauten Quadratmeter sparst du in der Schweiz ca. 4’000 CHF ein. Das sind 40’000 CHF für ein Wohnzimmer, welches nur 25m2 anstatt 35m2 ist. Dieses richtig coole Haus (von einem Büro, wo ich mal gearbeitet habe) ist eines der geilsten modernen Häuser, die ich je gesehen habe. Es wurde jedoch überraschend günstig gebaut – und dies auch weil ernsthaft Fläche eingespart wurde.

Wie du einfacher bauen kannst, damit du nur baust, was gebraucht wird

  • Weniger Fläche = Weniger Kosten
  • Wenn du unsicher bist, was du brauchst, finde es in dieser Analyse heraus
  • Mit dem Weglassen ganzer Bauteile (Keller, Balkon…) kannst du enorm Kosten, graue Energie und Material sparen

8. Weniger Beton = Weniger graue Energie

Beton ist nicht nachhaltig – egal was dir Holcim in ihren grüngewaschenen Werbungen erzählen will. Beton besteht aus Zement, Sand, Wasser und einem Kiesgemisch.

  • Zement ist schlecht, weil es bei sehr hohen Temperaturen gebrannt werden muss – was viel Energie braucht.
  • Sand wird als Rohstoff langsam knapp (man kann keinen Wüstensand hernehmen)
  • Vom Rohstoff Wasser müssen wir gar nicht reden.
  • Kies wird in grossen Deponien abgebaut ist auch nicht nachwachsbar?

Beton ist bei Tunnels und Infrastrukturbauten nicht verzichtetbar – wohl aber beim Wohnbau!

Wenn man also in Zukunft mit Beton knauseriger umgehen muss, wofür wird er dann noch verwendet? Bei Infrastrukturbauten wie Tunnels und Strassenbau kann wohl kaum darauf verzichtet werden – wohl aber beim Wohnbau!

Bei den drei Testhäusern wurden konventionelle Betondecken verwendet. Diese Bauteile waren mit Abstand diejenigen, mit den höchsten Anteilen an grauer Energie.

Tipp: Geschossdecken auch in Holz ausführen statt Beton. Dadurch gibt es keine Verunreinigungen der Holzwände beim Betonieren der darüberliegenden Decke (und entsprechende Arbeitsschritte für das Abschleifen der Wände) Alternativ2 könnte eine dünne Holzschicht als verlorene Schalung eingesetzt werden, falls nicht auf die Speicherkapazität von Beton verzichtet werden will.

Fazit: der grosse Haken

Einfach bauen macht auf vielen Ebenen Sinn: Damit kannst du Material sparen, Kosten sparen und eine bessere Energiebilanz ermöglichen. Viele Bauprozesse werden vereinfacht und verbessert. Es spricht also nichts dagegen.

Kompliziert bauen können Alle, einfach bauen ist schwierig!

Der grosse Haken ist jedoch, dass die Planung aufwendig ist. Das ist im ersten Moment nicht schlimm, denn die Planung ist sehr steuerbar und ein überschaubarer Kostenfaktor. Blöd ist jedoch – und das hat auch Florian Nagler bemerkt – dass es sehr viel Energie und Willen seitens Bauherrschaft und Architekten benötigt, ein ‚einfacheres Bauen‘ durchzusetzen. Sämtliche Planer und Unternehmer möchten lieber das machen, was ‚Standard ist‘ und fürchten sich vor aussergewöhnlichen Lösungen – oder haben einfach keine Lust, alternative Lösungen auszutüfteln.

Meine persönliche Meinung ist, dass das Konzept des ‚Einfach Bauens‘ die Zukunft ist. Leider ist dieses Konzept weder für die Unternehmer noch Planer lukrativ – wird also von der Baulobby nicht unterstützt oder gar aktiv untergraben. Bauherrschaften und involverte Architekten stehen vor dieser grossen, aber lohnenden und kreativen Herausforderung!

Wie du einfacher bauen kannst:

  • Ganz zu Beginn gegenüber allen Planern und Unternehmern als Hohe Priorität anmerken
  • Mehr Planungsaufwand einrechnen

  1. Quelle: Endbericht Einfach Bauen der TU München. Link: https://www.ed.tum.de/fileadmin/w00byg/ppe/content_uploads/Endbericht_Einfach_Bauen.pdf ↩︎
  2. Quelle 2: Endbericht Einfach Bauen 2 der TU München. Link: https://www.einfach-bauen.net/wp-content/uploads/2021/07/210726_EINFACH-BAUEN-2__Endbericht_f%C3%BCr-TUM_gr.pdf ↩︎

Weitere interessante Beiträge