Wie funktioniert Einsteinmauerwerk und was sind die Vor- und Nachteile?

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Kurz gesagt: Eine Fassade aus Einsteinmauerwerk oder auch ‚einschaliges, monolithisches Mauerwerk‘ besteht nur aus (zugegebenermassen riesigen) Backsteinen. Diese übernehmen gleichzeitig die Tragschicht und die Dämmschicht. Es ist also keine zusätzliche Dämmung nötig. Die Backsteinwand kann innen und aussen ganz normal verputzt werden. Du siehst also weder von innen, noch von aussen, dass dahinter eine andere, elegantere Konstruktion liegt.

Grösster Vorteil: Bei Einsteinmauerwerk ist keine Dämmung notwendig!

Was in Deutschland schon seit Jahrzehnten ein weit verbreitetes Bausystem ist, hinkt in der Schweiz ein wenig hinterher – und hat jetzt in den letzten Jahren gefühlt einen Aufschwung erlebt. Als Architektin durfte ich schon zwei Mehrfamilienhaus-Projekte in der Planung und Ausführung begleiten, und möchte dir im Folgenden dieses Bausystem ein bisschen näher bringen.

Ist Einsteinmauerwerk für dein Projekt geeignet?
Grundsätzlich ist diese monolithische Bauweise für Anbauten, Einfamilienhäuser, sowie auch für Mehrfamilienhäuser geeignet. Die Art der Konstruktion ist nichts Kompliziertes – und wird genauso wie normales Mauerwerk vom Baumeister auf der Baustelle gemauert. Einfach sind die Steine viel grösser (ca. 49cm tief, 25cm breit und ca. 24cm hoch) und benötigen keine zusätzliche Dämmung. Kein Hexenwerk also – und cool für kleine und grosse Projekte!

  • Für grosse und kleine Projekte geeignet
  • Auch Mehrgeschossig möglich
  • geringfügig teurer als eine normale Konstruktion (ca. 10-20%), dafür mehrere Vorteile

Wie funktioniert Einsteinmauerwerk?

Fun Fact: Früher wurde schon mit purem Mauerwerk gemauert, z.B. bei Steinbauten in Altstädten, oder ganz normalen Backsteinhäusern in Dörfern. Damals wurde einfach die Dämmung weggelassen, was zu einem ungenügenden Dämmwert geführt hat und mit den heutigen Anforderungen an die ‚Dichtheit‘ eines Gebäudes innert kürzerster Zeit zu Schäden in der Fassade führen würde. Wieso haben denn nicht alle alten Häuser Schäden? Da alle Fenster sowieso undicht waren, konnte alle Feuchtigkeit von innen wieder problemlos nach aussen. Es war aber sicher sehr kalt!

Monolitisches Mauerwerk ist ein altes System mit modernem Komfort.

Das monolitische Einsteinmauerwerk funktioniert ähnlich, einfach dass der Stein einerseits viel grösser ist (ca. 49cm tief, 25cm breit und 24cm hoch) und sehr viele Luftlöcher hat. Luft dämmt. So kommt der Stein auf einen genügenden Wärmedämm-Wert, sodass auch moderne Bauten mit allem Komfort (Dichtigkeit, Heizungs- und Lüftungsanforderungen) gerecht werden kann.

‚Normale‘ Fassade

Fassadenschnitt Konventioneller Aufbau
Fassadenschnitt mit Koventionellem Aufbau

Bei einer konventionellen Fassade gibt es zwei voneinander getrennte Schichten. Innen ist die Tragschicht aus Beton oder normalem Backstein – aussen die Dämmung aus EPS (Plastik), XPS oder Mineralischen Materialien.

Fassade mit Einsteinmauerwerk

Einsteinmauerwerk Konstruktion
Fassadenschnitt mit Einsteinmauerwerk

Bei einem monolitischen Mauerwerk sind Trag- und Dämmschicht vereint. Das erste Geschoss wird gemauert, die Betondecke wird gegossen (und liegt nur ca. 4cm auf dem grossen Backstein auf), dann wird das nächste Geschoss gemauert.

Was sind die Vorteile von Einsteinmauerwerk?

Ganz ehrlich: Persönlich finde ich, dass ein monolitisches Einsteinmauerwerk für ein Bauwerk viel mehr Vorteile bringt als Nachteile. Ganz grundsätzlich ist mir des Material einfach sympatisch, weil es in der Schweiz – aus lokaler Erde sozusagen – hergestellt werden kann. Aber ich bin da womöglich schon voreingenommen, hier sind die Hard Facts:

Vorteile:

  • Keine Dämmung
    Bei Einsteinmauerwerk braucht es keine Dämmung, denn der Backstein übernimmt diese Funktion.
  • Einsteinmauerwerk ist tragend
    Die Fassade ist selbst-tragend. Es müssen (im Normalfall) keine zusätzlichen statischen Massnahmen ergriffen werden.
  • Rein mineralischer Aufbau
    Durch das Weglassen der Dämmung und der Wahl von entsprechenden Putzarten kann ein rein mineralischer Aufbau erreicht werden = besseres Raumklima!
  • Kurzer Prozess
    Der Maurer kann in einem Schritt die ganze Fassade erstellen, sowie im Beispiel rechts: die Einsteinmauerwerk-Fassaden beider Mehrfamilienhäuser von einem Maurer mit einem Handlanger gemauert.
  • ‚Normaler‘ Baustellenablauf
    Betondecken können konventionell auf dem Einstein aufgelastet werden. Die Überlappung beträgt ca. 4cm
  • Problemlos rezyklierbar
    Die grössten Probleme beim Rezyklieren von Baumaterialien bestehen darin, dass oft Materialien als Komposit (d.h. als zusammengesetzte oder -geklebte Materialien) verwendet werden. Nicht so hier. Der geschrotete Backstein kann wiederverwendet werden.
  • Flexibel am Bau
    Der Stein kann vor Ort mit einfachen Kreis- und Bandsägen (Foto weiter unten) bearbeitet werden. So sind Beispielsweise die runden Ecken eines Mehrfamlienhauses (Bild rechts) vor Ort mit einer einfachen Fuchsschwanz-säge abgesägt worden.
Einsteinmauerwerk Mehrfamilienhaus
Ein Maurer mauert die gesamte Fassade des Mehrfamilienhauses
Mehrfamilienhaus in Einsteinmauerwerk in der Schweiz
Die gleiche Baustelle fast fertig: Die runden Ecken wurden vor Ort abgesägt.

Was sind die Nachteile von Einsteinmauerwerk?

Es gibt einige Dinge zu beachten, wenn du mit Einsteinmauerwerk planen möchtest. Es ist (noch) keine Konstruktion ab Stange, zumindest (noch) nicht in der Schweiz. Das heisst, du benötigst Externe Beratung von den Stein-Herstellern, damit Bauphysik und Statik stimmt. Dies fliesst aber ganz normal in einen Ausschreibungs- und Planungsablauf ein. Es ist quasi einfach noch ein ‚Experte‘ mit dabei, den du bei Unsicherheiten fragen kannst.

Nichtsdestotroz, es kann sein, dass nicht jeder Wald-und-Wiesen Baumeister mit Einsteinmauerwerk arbeiten möchte. Vielleicht aus Unsicherheit, oder weil ihm kompetente Mitarbeiter fehlen. Dies musst du entsprechend bei der Auswahl des Baumeisters berücksichtigen!

Nachteile:

  • Einführung / professionelle Begleitung erforderlich
    Bei einem Projekt mit Einsteinmauerwerk müssen die Verarbeitungsrichtlinien der Hersteller genauestens beachtet werden, sonst kann es bei mangelhafter Ausführung zu Schäden kommen. (z.B. Verwendung des falschen Mörtels, falsches Detail etc.) Jeder Hersteller bietet aber eine umfassende Begleitung an.
  • Komplizierte Details
    Es klingt paradox, aber der einfachere Wandaufbau hat zur Folge, dass die Anschlüsse an andere Bauteile (wie Fenster, Deckenübergänge, Balkone) ein bisschen mehr Hirnschmalz benötigen. Glücklicherweise haben die meisten Stein-Hersteller eine grosse Bibliothek von Richtlinien und funktionierenden Details, welche sich bewährt haben.
  • Bei komplexen Formen muss die Statik angepasst werden
    Backstein kann Drucklasten aufnehmen, aber keine Zuglasten. Einfache Statikkonzepte (wo die Aussenwände schön übereinanderstehen) sind entsprechend am Besten geeignet. Gibt ungleich verteilte Lasten, muss allenfalls mit anderen Materialien (Stahlstützen, gefüllten monolitischen Steinen) nachgeholfen werden.
Schallentkopplung Wohnungstrennwand Einsteinmauerwerk
Anschluss einer Beton-Wohnungstrennwand an die Fassade. Um die Schallentkopplung zu gewährleisten, muss ein spezielles Detail angewendet werden

Was musst du bei Einsteinmauerwerk speziell beachten?

Für den Nerd in dir hier noch die technischen Details. Das konkrete Ausklügeln kannst und darfst du als Bauherrschaft natürlich den Planer*innen überlassen – aber Wissen schadet nicht!

1. Einsteinmauerwerk darf nie im Wasser stehen

Ähnlich wie bei einer Holzbau-Konstruktion darf auch monolithisches Mauerwerk nicht im Wasser, bzw. Erdreich stehen, denn der extrem poröse Backstein zieht schnell Wasser und nimmt sofort Feuchtigkeit auf, welche dann in der Fassade stecken bleibt und Schäden verursacht. Die Lösung ist einfach: Das Mauerwerk wird erhöht und auf einen Betonsockel gestellt. Zwischen Terrain und Einsteinmauerwerk sollte ca. 40cm Abstand sein.

Aufbau Fassade überhalb Sockel

  • Monolithisches Einsteinmauerwerk 49cm
    Hier Z7 von Kubrix #notsponsored

Sockelaufbau von Aussen (im Bild links) nach innen

  • Betonsockel 25cm
  • Mineralwoll-Dämmung ca. 10cm
  • Normaler Backstein 15cm
    Unterster (weisser) Stein ist ein Termur-Element
    Dieser ist ein besserer Übergang zur Betondecke mit besseren Wärmedämm-Eigenschaften als ein normaler Backstein
Sockel eines Einsteinmauerwerks, wenn ein Teil der Fassade Aussen (links) im Terrain steht
Sockel eines Einsteinmauerwerks, wenn ein Teil der Fassade Aussen (links) im Terrain steht

2. Statik bei Bedarf verstärken

Einsteinmauerwerk ist grundsätzlich auf sehr druckstabil. Bei komplexen Gebäudegeometrien oder assymmetrischen Auflastungen kann es aber sein, dass es muss verstärkt werden muss.

  • Gefüllter, druckfester(er) monolithischer Stein
    An heiklen Stellen kann auf die ganze Wandhöhe ein dichterer, gefüllter Stein verwendet werden. Je nach Hersteller gibt es andere Bezeichnungen. Bei Kubrix #notsponsored wäre das z.B. ein ‚Coriso‘ Stein anstatt dem ungefüllten Z7-Stein.
  • Stahlstütze einmauern
    Speziell in Ecken kann eine einfache Stahlstütze als Ablastpunkt dienen
Coriso gefülltes Einsteinmauerwerk
Eine Reihe mit gefüllten ‚Coriso‘-Steinen. Man beachte, dass die vertikalen Fugen generell nicht vermörtelt werden.

3. Übergänge und Schnittstellen beachten

Egal wie ‚pur‘ die Konstruktion selber sein mag, es gibt immer auch konventionelle Schnittstellen zu beachten – speziell wenn es in die Nähe des Erdreichs geht.

Dämmschlacht auch bei einer ‚ungedämmten Fassade‘: Als Beispiel die Schnittstelle beim Übergang zur Tiefgarage (gelbe XPS-Dämmung) und der Tiefgarageneinfahrt (weisse EPS-Dämmung). Rechts im Bild wird der Betonsockel unter dem Wohnraum im unteren Erd-berührenden Bereich mit einer XPS-Dämmung (gelb) verkleidet, und im oberen Bereich wieder mit einer EPS-Dämmung. Der Wohnraum selber mit dem Fenster ist nur mit dem Einsteinmauerwerk gemauert. Verstanden? Ich auch nicht 🙂

Vorsicht beim Geländer montieren!
Die Fassade ist nicht auszugsfest. Das heisst, dass du nicht beliebig Balkongeländer, Fensterabsturzsicherungen und dergleichen in die Fassade schrauben kannst – es hält nicht. Es gibt hier Lösungen, die müssen jedoch in Zusammenarbeit mit Bauingenieur*in, Bauphysiker*in und Steinhersteller abgesprochen sein.

Übergänge Einsteinmauerwerk
Schnittstelle beim Übergang zur Tiefgarage (gelbe XPS-Dämmung) und der Einfahrt (weisse EPS-Dämmung) zum Wohnraum (Einstein)

4. Korrekten Mörtel verwenden

Jeder Steinhersteller hat den eigenen, auf die Steine abgestimmten Mörtel. Es ist exakt definiert, wie stark die Mörtelschicht sein soll.

Die Mörtelschicht ist relativ dünn im Vergleich zu normalen Backsteinen. Sie ist in dieser Konstruktion die Wärmedämm-Schwachstelle und muss möglichst dünn gehalten werden.

Die vertikalen Fugen werden nicht vermörtelt!

Die Hersteller haben teilweise entsprechende ‚Mörtel-Schlitten‘ oder schon vorgefertigte Mörtel-Pads, um den Maurer*innen das Leben zu erleichtern.

Blick auf die Baustelle: Im ersten Moment alles ganz normal. Nur auf den zweiten Blick erkennt man die Grösse der Steine

Einsteinmauerwerk Konstruktion
Links der konventionell gemauerte Sockel und der monolithische Backstein im Grössenvergleich
Monolitisches Mauerwerk Konstruktion
Die Backsteine können bei Bedarf direkt vor Ort mit Kreis- und Bandsägen zugeschnitten werden
Einsteinmauerwerk Fassade Konstruktion Fensterbank
Auf der Baustelle, rechts die Einstein-Fassade mit abgeschrägten Fensterbänken

Fazit: Ist Einsteinmauerwerk besser als normales Backstein-Mauerwerk?

Ja! Wie bei allen guten- und günstigen Projekten muss vorderhand ein wenig mehr Planungsenergie investiert werden. Der Aufwand lohnt sich jedoch, denn du bekommst eine rein mineralische – vollkommen rezyklierbare – Fassade mit ausgezeichneten Wohnklimatischen Eigenschaften.

Klingt cool! Was muss ich machen?
Falls du dir überlegst, diese Konstruktionsart bei deinem Projekt anzuwenden kannst du diesen Schritten folgen:

  • Noch VOR Projektbeginn
    Schreibe auf, dass dir diese Konstruktion (oder zumindest die Erwägung der Option) wichtig ist. Erwähne bei jedem Gespräch mit Planern, dass du diese Option abgeklärt haben willst.
  • Bei Planungsbeginn
    Beim ersten Gespräch oder Sitzung musst du dieses Thema SOFORT als Schwerpunkt ansprechen. Dann können von Planerseite die nötigen Abklärungen gemacht werden.

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