Brauchst du einen Architekten? Nein. Sollst du einen Architekten anstellen? Ja. Ein gutes Architekturbüro wird auf deine Wünsche eingehen, und mit dir zusammen das Beste aus deinem Projekt rausholen. Sie werden an Dinge denken, auf die du selber nie gekommen wärst, und dir die lästigen Abklärungen abnehmen. Sie machen dir Material- und Produktvorschläge, aus denen du auswählen kannst.
Gemessen an den Gesamtkosten eines Bauprojektes (welche in der Schweiz ja sowieso exorbitant teuer sind- zu diesem Thema ein andermal mehr) machen die Planerkosten in etwa 10% aus. Das ist nicht wenig, aber bedenke, dass du dann professionell unterstützt wirst!
Teuer bauen kann jeder, günstig bauen braucht fähige Planer.
Wenn ich es mir recht überlege sollst du genau wenn das Budget knapp ist, einen fähigen Architekten oder Architektin einstellen! Denn teuer planen ist einfach, günstig planen braucht jedoch viel Knowhow und Finesse. Wenn du selber nicht vom Fach bist, ist die Chance gross, dass du die Tipps und Tricks nicht kennst, wie du beim bauen Geld einsparen kannst (dazu auch ein andermal mehr).
Sind die ‚fancy‘ Architekturbüros teurer als die ’normalen‘?
Nein, im Gegenteil! Du weisst schon, von welchen Büros ich spreche: Die Architekturbüros wo die Webseite einer Kunstinstallation gleicht und deren Fotos in den Hochglanzmagazinen abgebildet sind. Diese ‚Fancy‘ Architekturbüros sind nicht teurer als die ‚Otto Normalo‘-Planungsbüros. IM GEGENTEIL, sie werden alles dafür machen, damit dein Projekt richtig, richtig gut wird!
‚Fancy‘ Architekturbüros werden sich den A*sch aufreissen, um dir eine richtig geile Hütte hinzustellen – für das gleiche Geld wie jedes andere Büro!
Die meisten Planungsbüros werden den Stunden-Aufwand für dein Projekt grob schätzen und dir daraus eine Offerte machen. Und hier liegt der Trick: Die leidenschaftlichen Architekt:innen werden unbezahlte Überstunden machen, nur damit das Projekt richtig, richtig cool wird!
Glaub mir, ich habe auch schon in einem dieser ‚Fancy‘ Architekturbüros gearbeitet und meinem Chef zugeschaut, wie er tagelang verschiedene Ölungen für die Holzparkette bemustert und verglichen hat, nur damit er das eine herausfindet, welches mit der Zeit nicht gelblich wird. Oder wie er den Fensterbauer dazu gebracht hat, die Fensterrahmen noch ein bisschen schmaler zu machen, damit die Proportionen stimmen. Hat er diese Stunden aufgeschrieben? Nope.
Frage die fancy Büros an! Das schlimmste was sie sagen können ist a) „Tut mir leid, wir haben gerade keine Kapazität“ oder b) „Wir haben keine Interesse an dem Projekt“ (was selten ist – die Büros brauchen immer neue Projekte!) Also was gibt es zu verlieren?
Wie finde ich ein Architekturbüro, welches zu mir passt?
Internet! Mein kleiner Tipp: Frage nicht den Lokal-Architekten, die befreundete Architektin, oder deinen Onkel. Ausser dir gefallen deren Projekte sehr gut. Ansonsten ist dies ein Rezept für Disaster, speziell wenn Verwandschaft involviert ist. Das ganze Drama-Potential kannst du dir sparen.
Zurück zum Sache: Im Internet findest du alle Architekturbüros, die etwas auf sich halten. Gerade in städtischen Ballungs-Zentren gibt es Architekturbüros wie Sand am Meer, und die Schwierigkeit ist herauszufinden, welche deiner Meinung nach die schönsten Projekte bauen. Wenn du auf dem Land wohnst, und es dort ausser den Lokal-Planern keine schön-bauenden Architekturbüros gibt: Absolut kein Problem, die meisten Architekten sind immer nach der Suche nach Projekten und werden dich mit Handkuss nehmen, solange das Projekt nicht eine halbe Tagesreise entfernt ist. Praktikabel ist ein Radius von maximal einer Stunde Autofahrt (für regelmässige Besuche auf der Baustelle).
Investiere einige Stunden Recherche im Internet, und frage dann mindestens drei Architekturbüros an, deren Projekte dir gefallen. Ein Kennenlernen kostet in den meisten Faellen nichts, und du wirst schnell merken, ob die Chemie stimmt oder nicht.
Wie erkenne ich einen ‚guten‘ Architekten?
Fun Fact: Architekt:in ist in der Schweiz kein geschützter Beruf. Entsprechend kann sich jeder Architekt nennen. Nur sieben Kantone schreiben vor, dass jemand mit einem anerkannten Architektentitel die Baubewilligung unterschreiben muss (Genf, Neuenburg, Waadt, Freiburg, Tessin, Luzern und Wallis). Das heisst, du brauchst technisch gesehen keinen Architekten, sondern jemand, der deine Pläne zeichnet und den Behörden übergeben kann – und das ist schnell einmal möglich – die Frage stellt sich eher, welche Unterstützung du dir erhoffst bei deinem Projekt.
In der Schweiz kann sich jeder Architekt nennen – es ist kein geschützter Beruf
Hier eine nicht abschliessende Liste, auf was du achten kannst:
- Dir gefallen die Projekte, welche das Büro schon ausgeführt hat (Bilder auf der Homepage oder in ‚Real life‘
- Das Büro ist dir (spätestens nach dem Kennenlern-Gespräch) symphatisch – die Chemie muss stimmen
- Du fühlst dich aufgehoben und erst genommen
- Der Umgang ist grundsätzlich professionell (es werden Termine gemacht, Protokolle geführt, Versprechungen eingehalten…)
- Das Thema Kosten wird nicht umgangen (und du solltest es auch nicht umgehen)
Ferner:
- Die Berufsbezeichnung oder Titel stehen auf der Webseite (Vergiss nicht: jeder kann sich Architekt nenne)
- Dir wird die Person vorgestellt, welche dann dein Projektleiter oder deine Projektleiterin sein wird sobald es konkret wird (sie haben ihre Kapazitäten im Griff)
Was bedeuten die verschiedenen Architekten-Titel?
Es gibt (wie in jedem Berufsfeld) gute und weniger gute Architekt:innen. Aber mein ganz, ganz persönlich (und total voreingenommener Rat): Nimm jemanden, der Architektur studiert hat! Ein Architekturstudium ist kein Zuckerschlecken – entsprechend beenden es nur diejenigen, die das auch wirklich wollen. Und diese Architekten werden sich ein Bein ausreissen, um dir deine Bauträume gestalterisch zu verwirklichen. Technisch muss es so oder so funktionieren – das kann jedes Planerbüro. Aber nicht jedes Planerbüro kann auch schön bauen.
Jedes Planerbüro kann technisch funktionierend bauen. Aber nicht jedes Planerbüro kann schön bauen.
Wie gesagt: Es gibt bessere und schlechtere Architekten und Architektinnen mit jedem Titel. Dieser sagt nichts konkretes über die Gestaltungs- oder Sozialkompetenz der jeweiligen Personen aus. Das musst du schon selber in einem Gespräch (Sozialkompetenz) und Recherche (Gestaltungskompetenz) herausfinden. Aber hier hast du einen Überblick über die Titel und deren Hintergründe:
- BSc ETH Architektur oder MSc ETH Architektur
Studium an einer eidgenössischen technischen Hochschule (davon gibt es in der Schweiz drei: ETH Zürich, EPFL Lausanne und die Università della Svizzera italiana in Mendrisio). Ausbildungszeit bis zum Master ist fünf Jahre. Der Mastertitel Titel gilt als vollständige Ausbildung zum Architekten. - BA FH Architektur oder MA FH Architektur (früher Dipl. Architekt HLT)
Ein praxisorientierter Hochschulabschluss, der an Schweizer Fachhochschulen wie der ZHAW, FHNW und HSLU angeboten wird. Der Bachelor-Abschluss qualifiziert für Tätigkeiten in Architektur und Bauplanung, während der Mastertitel ein weiterführender Titel ist, der zur vollständigen Berufsausübung als Architekt berechtigt und oft für leitende Funktionen im Bauwesen vorausgesetzt wird. - Dipl. Techniker/in HF Architektur
Eine praxisorientierte Ausbildung an einer Höheren Fachschule (HF), die etwa drei Jahre dauert. Dieser Abschluss ist weniger theoretisch als der Fachhochschulabschluss und eher auf praktische Bauplanung und Bauleitung ausgerichtet, mit weniger Fukus auf Gestaltungs-Konzepte. - Bauleiter HF oder Bauplaner HF
Ein spezieller Absschluss in der Ausbildung im Bauwesen. Bauleiter kümmern sich um die konkrete Bauplanung, Koordination und Umsetzung auf der Baustelle. Sie arbeiten oft eng mit Architekten und Ingenieuren zusammen, übernehmen jedoch keine umfassende Planungsverantwortung wie Architekten. - Zeichner Fachrichtung Architektur
Umgangssprachlich ‚Hochbauzeichner‘. Sie arbeiten in Architekturbüros und sind oft für die Anfertigung von Bauplänen und technischen Zeichnungen verantwortlich. Sie haben in der Regel keine Planungsverantwortung und arbeiten unter Anleitung von Architekten.
Jemand, der eine Technikerschule absolviert hat, mag sich bestens mit Ausführung und Baukontrolle auskennen. Persönlich ist – wie schon angemerkt – Gestaltung ein so unterschätztes Element, dass es sich lohnen wird, jemanden dabei zu haben der das auch studiert hat – sprich FH oder ETH. Aber da bin ich (als selber studierte Architektin) zu 100% voreingenommen.
Noch einmal: Ich kenne auch Bauleiter mit einem exquisiten Sinn für Ästhetik, und studierte Architekten – denen dieser Sinn irgendwann abhanden gekommen ist. Schlussendlich kommt es nur darauf an, wie gut dir die Projekte gefallen, die das Planerbüro bzw. die Planer:in schon gebaut hat, und ob die Chemie zwischen euch stimmt.
Und die Architekten, die sich verwirklichen wollen?
Grundsätzlich will sich jeder Architekt ‚verwirklichen‘, denn das ist der Grund, wieso er oder sie diesen Beruf gewählt hat. Du bist jedoch Kunde und somit König:in. Ich wiederhole mich: Mach eine umfangreiche Recherche und wähle Architekturbüros, deren Bauten dir symphatisch sind – und deren Stil dir gefallen. Tu tust niemandem einen Gefallen, wenn sich der auf moderne Brutalistische Betonbauten-spezialisierte Architekt mit deinem romantischen Häuschen herumschlagen muss.
Aber nehmen wir an, der generelle Stil ist ok für dich. Sag klar, was dir wichtig ist, und was nicht. Die wichtigen Dinge entscheidest du! Überlass die weniger wichtigen ihm. Architekten sind Dienstleister. Sie sind dafür da, deine Wünsche umzusetzen! Leider ist es oft eine Knochenarbeit während mehreren Sitzung herauszufinden, was denn diese Wünsche sind – idealerweise hast du dich also schon vor der ersten Besprechung damit beschäftigt – hier findest du einen Leitfaden dazu.
Und im Zweifel: Steh zu dem, was du willst, wenn es dir wichtig ist! Tipps zum Verhandeln mit Unternehmer (und auch Architekten) findest du in diesem weiterführenden Artikel hier.
So gehst du gut vorbereitet ans Erstgespräch
Du hast einen Termin vereinbart, und triffst dich zum ersten Mal mit einem Planer oder einer Architekt:in. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Planer um alle Informationen froh sind. Je mehr, desto besser. Dir ist ultra-wichtig, dass deine Duschen Nischen haben? Sag es jetzt, auch wenn es noch nicht relevant ist. Die Planer werden es aufschreiben und zu gegebener Zeit nachhaken. Dir ist wichtig, dass das Gebäude nachhaltig wird? JETZT ist der beste Zeitpunkt dafür zu erwähnen, dass das für dich eine hohe Priorität hat.
Je mehr Informationen und je früher, desto besser!
Ich empfehle dir stark, vor dem Termin diesen Artikel ‚Wie finde ich heraus, was ich überhaupt will‘ zu lesen und durchzuarbeiten. Das ist vielleicht eine halbe Stunde Arbeit, aber es lohnt sich auf jeden Fall – denn du hast zum Schluss etwas auf Blatt Papier, welches du konkret abgeben kannst – und worüber ihr reden könnt.
Was du zur Erstbesprechung mitnehmen kannst:
- Beispielfotos oder Bilder von Bauten, die dir gefallen
(ausgeschnitten aus Magazinen, ausgedruckte Pinterest-Bilder oder Fotos aus dem Internet, egal wie – hauptsache dabei). Du kannst natürlich auch Bilder von Innenräumen mitnehmen. Dream big!! - Ein paar Fotos von deinem bestehenden Gebäude (bei einem Umbau oder Sanierung)
Es geht darum, einen Eindruck zu vermitteln mit was es sie zu tun haben. Ist es ein Stall, ein Bau aus den 50er-Jahren oder von 2010? Übrigens: Bei Umbauten und Sanierungen ist es üblich, das Erstgespräch vor Ort zu machen. - Grundbuchauszug oder Screenshot deines Grundstücks
Du kannst den ein- bis zwei Wochen vorher bei der Gemeinde beantragen, kostet zwischen 20 und 50 CHF).
Es reicht aber auch ein ausgedruckter Screenshot deiner Parzelle von einem GIS-Programm. Google ‚GIS Kanton XX‘, und du kommst auf das entsprechende Online-Portal. Zoome rein auf deine Parzelle und mach einen Screenshot.
Zur Not kannst du auch eine Skizze machen auf einem Blatt Papier. Es geht darum, die ungefähren Dimensionen abschätzen zu können. - Wünsche anbringen
Wie erwähnt, bitte bitte lies diesen Artikel wo es um Wunsch-Formulierung geht (und wie du diese kommunizieren kannst, damit sie auch umgesetzt werden). Sag alles, was deine Träume sind. Wenn die Architekturbüros etwas auf sich halten, schreiben sie sich alles auf, was du sagst. (Andernfalls wäre das für mich eine Red Flag). Du träumst von einem Sitzfenster im Wohnzimmer? Ein Jacuzzi auf der Terrasse? ein Net-Zero Emissionshaus? Marmor-Abdeckung in der Küche? Sag es jetzt (oder hab eine Liste dabei). Natürlich kann nicht alles garantiert umgesetzt werden – aber wenn du es nicht kommuniziert, ist die Chance dafür 0%, dass es umgesetzt wird. - Über Kosten reden
Kannst du – natürlich noch bevor du zur Bank gehst – abschätzen, was uuuuungefähr das Budget ist? Anbau mit maximal 50’000 CHF? Sanierung für 10’000? Neubau für 1.5 Mio? Arealüberbauung mit mehreren Häusern? Es geht darum, dass das Architekturbüro abschätzen kann, ob sie gerade Kapazitäten haben (und Interesse) an deinem Projekt. Es hilft nichts, wenn du von einem Neubau redest, insgeheim aber nur ein Budget von 100’000 CHF hast. Hier kriegst du einen groben Überblick, was ein Neubau in der Schweiz überhaupt kosten kann. Die Kosten werden in einem ersten Schritt (z.B. einer Machbarkeitsstudie) vom Architekturbüro geschätzt und dir kommuniziert. Dann kannst du es dir immer noch anders überlegen. - Über Termine reden
Gibt es Zeitdruck deinerseits? Du musst in einem halben Jahr einziehen? Das ist relevant und sollte gleich zu beginn erwähnt werden. - Sprich alle Unsicherheiten an!
Was willst du wissen? Wovor fürchtest du dich? Auf was freust du dich? Frag ALLE Fragen, die dir in den Sinn kommen – es gibt hier wirklich keine dummen Fragen! Es geht um dein zukünftiges, (sehr teures) Traumprojekt, und es soll genauso werden wie du möchtest.








