Die immer intensiver und länger andauernden Hitzewellen geben zu denken: bauen wir noch zeitgemäss? Müssten Neubauten nicht aktiv für ein Wohnen in einem heisseren Klima ausgerichtet werden? Welche Massnahmen können bei einem Neubau auf einer baulichen Ebene angewendet werden – bevor auf rein technische Lösungen wie Klimaanlagen zurückgegriffen wird?
Ich habe mit mehreren Architektinnen und einem Bauphysiker gesprochen, um Ansätze zu sammeln und der Lösung ein wenig näher zu kommen.
- Fassade und Dach:
- Grösse der Fenster
- Aussenliegender Sonnenschutz
- Vordach: Günstig und effektiv
- Helles oder begrüntes Dach
- Grundriss und Konstruktion
- Massespeicher nutzen
- Durchlüftungsmöglichkeiten und Kamineffekt
- Wandoberflächen optimal
- Umgebung:
- Bäume im Garten
- Bodenflächen entsiegeln
Fassade & Dach
Die Aussenhülle mit der Fassade und dem Dach sind die Oberflächen, welche der Witterung, der Sonne und dem Regen ausgesetzt sind. Sie sind der Übergang von Aussen und Innen; und in heissen Sommertagen der Unterschied zwischen 35 Grad draussen und kühlen 25 Grad drinnen.
Grösse der Fenster: Klein aber oho!
Gemäss Bauphysiker ist nicht die Fassade das Problem. Die Wände von Neubauten sind gut genug gedämmt, sodass der Wärmedurchgangskoeffizient (die Wärme, welche von draussen nach drinnen gelangt) extrem niedrig ist.
Die Fenster sind die Schwachstelle. Kleine oder schmale Fenster machen in vielerlei Hinsicht mehr Sinn.
Die Schwachstelle sind eindeutig die Fenster. Auch Fenster mit Dreifachverglasungen (in der Schweiz Standard) buckeln bei direkter Sonneneinstrahlung, und lassen Wärme durch das Glas rein. Die Lösung dafür sind kleinere (schmalere) Fenster, anstatt riesige Fensterfronten. Im Artikel ‚8 Prinzipien zum Einfach Bauen‘ wird die perfekte Fenstergrösse ausgeführt.

Aussenliegender Sonnenschutz ist Pflicht

Auch kleine Fenster brauchen zwingend einen aussenliegenden Sonnenschutz. Dieser verhindert, dass die direkte Sonneneinstrahlung in den Raum gelangt. Das bedeutet nicht, dass du deine Wohnung tagsüber mit Rollstoren in eine Höhle verwandeln musst.
Ausstellmarkisen (im Bild) fahren zunächst herunter, dann nach aussen. So halten sie die Mittagssonne ab, während du noch nach draussen schauen kannst. Einziger Nachteil von Stoffstoren: Sie müssen für eine gewünschte Verdunklung im Zimmer mit Nachtvorhängen kombiniert werden.

Vordach: Günstig und effektiv


Reflektion: Helles oder begrüntes Dach
Weiss reflektiert das Licht und schiesst es dahin zurück, wo es hergekommen ist. So haben zum Beispiel weiss gestrichene oder reflektierende Dächer die besten Ergebnisse erzielt bei einer Studie der Forschenden des University College London (UCL). Inwiefern weisse Dächer in unserer gebauter Umgebung umsetzbar, und ästhetisch einpassbar sind, werden wir wohl herausfinden müssen.
Begrünte Dächer haben gemäss Bauphysiker auch positive Auswirkungen. Der zusätzliche Massespeicher des schweren Daches (mehr dazu gleich) verzögert das Aufwärmen der Dachkonstruktion.
Grundriss & Konstruktion
Das A und O des Kampfes gegen die Hitze in einem Haus ist die Nachtauskühlung. Während sich die Wohnung über den Tag langsam erhitzt, kann sie sich über Nacht wieder abkühlen und der Aussentemperatur angleichen.
Massespeicher nutzen
Das ist ein bisschen technisch, aber das Konzept von Massespeicher kannst du super nutzen, um gegen eine zu heisse Wohnung anzukämpfen. Ein massiges, bzw. schweres Objekt (zum Beispiel eine Betondecke oder eine Stampflehmwand) erwärmt sich nur träge und bleibt länger kühl als leichtere Objekte (zum Beispiel dünne Steinplatten oder Leichtbauwände).
Die Lösung ist eine Balance der Massespeicher im Haus – genug träge, dass es nur langsam erhitzt. Und leicht genug, dass es über Nacht wieder auskühlt.
Aber Vorsicht: Betondecken bleiben im Sommer länger kühl, sind aber auch länger warm – da sie auch länger zum Abkühlen brauchen, wenn sie einmal aufgewärmt sind. Das Ziel von Massespeicher ist, dass die Masse über Nacht wieder ausgekühlt werden kann.
Querlüftungsmöglichkeiten über Nacht
Eine der einfachsten Lösungen für eine Nachtabkühlung ist Querlüftung in der Nacht – speziell von West nach Ost, denn da gehen die meisten Winde. Dass ein Grundriss an extra Qualität und angenehmem Raumgefühl gewinnt, wenn es Sichtachsen im Grundriss gibt, wird in diesem Artikel ‚Sichtachsen: ein mächtiges und kostenloses Gestaltungselement‘ aufgeführt. Diese Sichtachsen können dann auch gleich zum Querlüften genutzt werden. Win-Win!
Sichtachsen zum Querlüften – oder noch besser den Kamineffekt nutzen!
Noch besser wäre ein Oblicht, oder ein Dachfenster falls deine Wohnung über mehrere Geschosse geht. Die aufsteigende Wärme kann durch den Kamineffekt super schnell über Nacht kühlerer Luft weichen.

Absorbierende Wandoberflächen für ein angenehmes Raumklima
Es gibt wenig Unangenehmeres in einer Wohnung als abends nach einem heissen Tag in die abgedunkelte Wohnung zurückzukehren, nur um gefühlt in ein tropisches Klima einzutreten. Die Wahl der Innenoberflächen – speziell der Wände und Decken – tragen erheblich dazu bei, wie sich die Wohnung bei Hitze und Feuchte anfühlt.
Die meisten Wandoberflächen werden mit einem Zement-Kalk-Gemisch verputzt. Zement nimmt aber weder Feuchtigkeit auf, noch gibt er sie ab. Kalk jedoch schafft das mit Leichtigkeit, und Lehmputz noch viel besser. Wandoberflächen auf Kalk- oder Lehmbasis schaffen also ein nicht stickiges, sondern angenehmes Raumklima. Alles über Innenputz und die verschiedenen Oberflächen erfährst du übrigens hier.
Umgebung & Garten
Bäume im Garten: Win-Win
Eine absolute Win-Win Situation für ein angenehmes Wohnklima, schattige Sommerplätzchen und frische Brisen an lauen Abenden. Ganz zu schweigen vom positiven Einfluss auf Biodiversität und das ganz eigennützige visuelle Vergnügen, wenn man vom Wohnzimmer aus direkt in eine Baumkrone blickt.
Bäume im Garten sind eine absolute Win-Win Situation
Alle weiteren Gründe, weshalb das ungeachtet von Klima eine gute Idee ist, findest du im Artikel ‚Grosse Bäume im Garten? Ja und Ja!‚

Umgebungsfläche entsiegeln
Versiegelte Oberflächen wie Asphalt und Beton (aber auch die berüchtigten ‚Steingärten‘) bleiben lange heiss und kühlen während Hitzewellen kaum aus. Besser verhalten sich Oberflächen, wo Wasser versickern kann.



Fazit Bauen für ein heisses Klima
Es ist wünschenswert, dass wir für das Bauen von zukünftigen Neubauten einen neuen Grundsatz hinzufügen. Nämlich der, dass die Wohnungen auch in den immer heisser werdenden Sommern angenehm zu bewohnen sind – ohne Klimaanlage. Denn diese ist nur Symptombekämpfung eines Problems, welche mit einfachen baulichen Mitteln verhinderbar gewesen wäre. Wir müssen nur daran denken und diese Aspekte einplanen.
Die Lösungen sind nicht kompliziert – man muss nur daran denken und einplanen








